Gegen die konservative Linke

(Übersetzung und Bearbeitung ins Deutsche zu diesem Artikel von Klaus Mahrer)

Konservative Linke: Scheinlösungen von gestern

Das neuseeländische Beispiel zeigt, warum reaktionäre Antworten auf den Neoliberalismus scheitern

Von Daphne Lawless

Die „konservative Linke“ will stets das Gegenteil von dem, was der Neoliberalismus will. Anders gesagt: Sie betreibt eine reaktionäre, undialektische Opposition gegenüber verschiedenen Aspekten des Neoliberalismus. Ihre Ideologie sei in der „reformistischen“ und auch der „revolutionären“ Linken von Neuseeland/Aotearoa extrem stark verbreitet und manchmal dominant, schreibt die neuseeländische Aktivistin Daphne Lawless. Da es sich zugleich um ein weltweit zu beobachtendes Phänomen handelt, lohnt eine detaillierte Beschäftigung mit dem Thema.

 

Wenn du vor wenigen Jahrzehnten Linksradikalen erzählt hättest, dass marxistische Sozialist_innen nicht nur die mit dem Union Jack geschmückte neuseeländische Fahne verteidigen, sondern auf Demonstrationen hinter diesem Symbol des kolonialistischen, kapitalistischen Staates hermarschieren, hätten dich diese ohne Zweifel für verrückt erklärt. Noch 2005 war die „Defend our Flag“-Bewegung die Domäne von Konservativen wie der Returned Services Association oder der faschistischen National Front. Und nun waren sie zahlreich, die Union Jacks bei den Demonstrationen gegen das Freihandelsabkommen TPPA. Und auf Facebook wurden jene, die eine neue Fahne fordern, von Sozialist_innen und Linksradikalen als „Verräter_innen“ bezeichnet. Wie konnte das passieren?

Das Konzept der „konservativen Linken“ habe ich von dem schottischen Sozialisten Sam Charles Hamad übernommen. Er verwendet die Bezeichnung, um jene bis zu Jeremy Corbyn reichenden Segmente der Linken in Großbritannien zu beschreiben, die sich weigern, die syrische Revolution zu unterstützen und stattdessen Interventionen zugunsten der Assad-Diktatur befürworten; im Sinne eines kleineren Übels im Vergleich zur Terrorgruppe Da’esh (IS). Ich möchte aber auch die von mir verwendeten Wörter „reaktionär“ und „undialektisch“ erklären. Reaktionär sei nicht im Sinne von rechtsextrem verstanden, sondern meint eine beliebige, reflexartige Ablehnung. So ist das wichtigste Argument der konservativen Linken für die Beibehaltung der Fahne mit dem Union Jack, dass die konservativ-neoliberale Regierung die Fahne wechseln möchte. Der Kern der Dialektik hingegen ist die Annahme, dass sich Dinge aufgrund ihrer internen Widersprüche und in Wechselwirkung mit ihren Gegensätzen verändern und entwickeln. Undialektisch meint, dass etwas einseitig ist, dass es die Welt im Sinne von „schwarz“ und „weiß“ oder „gut“ und „böse“ betrachtet.

Den Begriff Neoliberalismus verwende ich gemäß folgender Definition: die aktuelle, global dominante „Artikulation“ des Kapitalismus, die auf Globalisierung, Finanzialisierung und Privatisierung beruht. Trotz aller Rhetorik über das Schrumpfen des Staates hat der Staat tatsächlich eine entscheidende Rolle im Neoliberalismus – nicht nur im negativen Sinne des Privatisierens seines Vermögens und der Abschaffung von Hürden für Globalisierung und Finanzialisierung. Nein, auch aktiv durch das Öffnen aller Bereiche der Gesellschaft für die Mechanismen des Marktes, in dem der Widerstand der Arbeiter_innen gebrochen wird, Allgemeingüter enteignet und für den kapitalistischen Profit verwertbar gemacht werden oder auch indem er die Anführer_innen von sozialen Kämpfen integriert.

 

Eine lange Geschichte von Niederlagen

Der Kampf gegen den Neoliberalismus in Neuseeland/Aotearoa dauert bereits länger an, als manche Teilnehmer_innen der Demonstration gegen das TPPA auf der Welt sind. Wir hatten wenige bleibende Erfolge, so dass seit 1984 eine ganze Generation aufgewachsen ist, die nur die neoliberale, globalisierte, finanzialisierte kapitalistische Wirtschaft kennt. Hierzulande wurde der Neoliberalismus durch eine 1984 gewählte Labour-Regierung in Gang gesetzt. Sie konnte die atemberaubend schnelle Liberalisierung der einst höchst protektionistischen kapitalistischen Wirtschaft unter anderem deshalb weitgehend ungestraft durchführen, weil sie viele der zwischen 1968 und 1981 entstandenen sozialen Bewegungen vereinnahmte. Die selbe Labour-Regierung, die alle Devisen- und Kapitalverkehrskontrollen zerschlug und der großen Privatisierung frönte, entkriminalisierte männliche Homosexualität, richtete die Waitangi Untersuchungskommission für Ansprüche der Māori ein und unterstützte (liberale) feministische Anliegen.

Für jene hochgebildeten Frauen, Schwulen und Māori, die über die Fähigkeiten verfügten, die die neue globalisierte Wirtschaft brauchte, bedeuteten die neoliberalen Reformen eine klare Verbesserung. Andere waren natürlich weniger glücklich. Das Ergebnis war aber die effektive Vereinnahmung vieler Massenbewegungen, die unter der vorangegangenen sozial konservativen, aber traditionell keynesianistischen Regierung groß geworden waren. Dies geschah zum selben Zeitpunkt, als die „Identitätspolitik“ zulasten traditioneller Formen des Marxismus Einzug in die globale Linke hielt, und war eine extrem effektive Strategie zur Einführung des Neoliberalismus.

Dies erklärt auch teilweise das Fehlen einer ganzen Generation in der neuseeländischen Linken. Es gab sehr wenig zwischen der Generation, die 1981 in den Massenprotesten gegen die Südafrika-Tour des Rugby-Nationalteams aktiv wurde, und jenen Generationen, deren Bewusstsein durch die antikapitalistischen Proteste von Seattle und später durch 9/11, den „Krieg gegen den Terror“, den Irakkrieg oder die Occupy-Bewegung geweckt wurde. Daher werden heutige Bewegungen überwiegend von älteren Aktivist_innen angeführt, deren Weltanschauung vor der neoliberalen Globalisierung entstand, die sich wirtschaftlich etablieren konnten und die dadurch ein Interesse haben, den Status Quo zu erhalten. Ihnen sind die neuen sozialen Arrangements und die durch die neoliberale Ära aufflammenden sozialen Kämpfe unbehaglich.

Das Resultat ist ein Mangel an neuen antikapitalistischen Ideen, anhand welcher der Neoliberalismus überwunden statt rückgängig gemacht werden könnte. Oder zumindest wurden diese Perspektiven von den Bewegungen nicht aufgegriffen. Anstatt sich mit den neuen Möglichkeiten, die der Neoliberalismus hervorgebracht hat, auch intellektuell auseinanderzusetzen, hat die aktivistische Linke nach einem generellen Kampf gegen neoliberale Reformen eine kategorische Haltung eingenommen, gemäß der einfach zu vorneoliberaler Politik und entsprechenden Sozialstrukturen zurückgekehrt werden solle. Dies sabotierte die Fähigkeiten der Bewegung, mit den durch die neoliberale Globalisierung entstandenen neuen sozialen Dynamiken umzugehen und gegen die anti-neoliberale Rechte effektiv zu kämpfen.

Die Strategie der konservativen Linken besteht im Wesentlichen darin, die Lösungen von gestern auf die Probleme von heute anzuwenden. Sam Charles Hamad legt beispielsweise überzeugend dar, dass die internationale Solidarität für Syrien wegen der Starrköpfigkeit der Anti-Kriegs-Bewegungen ausbleibt. Die britische Linke übertrage die Slogans der Proteste gegen den Irak-Krieg (eine imperialistische Intervention von außen gegen einen nicht genehmen Diktator) auf den syrischen Bürgerkrieg (einen Aufstand gegen eine Diktatur, in dem die Imperialist_innen zuerst beide Seiten und später die Diktatur unterstützten).

Statt dessen sollte die Linke meiner Ansicht nach versuchen, auf die durch den Neoliberalismus entstandenen neuen sozialen Kräfte und Lebensweisen zu bauen, um eine postneoliberale, postkapitalistische Zukunft zu gestalten. In anderen Worten: Marx‘ Erkenntnis, dass sich der Kapitalismus sein eigenes Grab schaufelt, ist weiterhin richtig, aber die revolutionäre Arbeiterklasse des 21. Jahrhunderts sieht anders aus als die der 1840er oder 1980er Jahre.

 

Mit der Nationalfahne zur Demo

Kennzeichnend für die konservative Linke in Neuseeland/Aotearoa ist das Lagerdenken, also die Vorstellung, die Welt wäre in mehrere militärische Lager geteilt, von denen das größte der Westen wäre, angeführt von den USA. Somit könne jede Regierung unterstützt werden, die mit der US-amerikanischen Außenpolitik nicht einverstanden ist, egal wie sehr sie die eigene Bevölkerung unterdrückt oder die neoliberale Marktwirtschaft hochhält. Diese Regierungen werden oft sogar als „antiimperialistisch“ bezeichnet – als ob es nur einen Imperialismus, den des Westens, gäbe. Die konservativen Linken geben somit die marxistische Auffassung auf, nach der der Imperialismus der kapitalistischen Expansion innewohnt und überall, wo er auftritt, gleichermaßen abzulehnen ist – zugunsten eines Konzeptes einer multipolaren Welt, in der Nationalismus und imperialistische Interventionen akzeptiert oder sogar unterstützt werden, solange sie von „der anderen Seite“ ausgehen.

Unübersehbar wurde dies bei den Demonstrationen gegen das TPPA-Abkommen, wo die Nationalfahne mit dem Union Jack, nicht nur aus Widerstand gegen John Key‘s Initiative für eine neue Fahne, geschwungen wurde. Die gleiche Idee wurde mit Transparenten zum Ausdruck gebracht, die den Premier als Marionette von Barack Obama oder „Uncle Sam“ darstellten. Mit anderen Worten: Sie protestierten gegen die US-Herrschaft über Neuseeland/Aotearoa statt gegen die Herrschaft des multinationalen Kapitalismus über die Menschen dieser Welt, über ihre demokratischen Rechte und ihren Gemeinbesitz.

Dieser „Linksnationalismus“ ignoriert, dass dieser Staat eine zutiefst rassistische, kolonialistische Institution ist, die sogar in ihrer „gutmütigsten“ Zeit, der Ära des Sozialstaats von 1935 bis 1984, davon lebte, dass den Māori die natürlichen Ressourcen vorenthalten und die Klassenkämpfe unterdrückt wurden. Der Staat ist als parlamentarische Demokratie durch öffentlichen Druck gewiss beeinflussbarer als ein multinationaler Konzern, der seinen Sitz in den USA hat. Aber der Kampf für die Verteidigung der Demokratie – sei es auch in ihrer schwächsten, kapitalistischen Form – und gegen Einverleibung und Ausbeutung der natürlichen Ressourcen muss auch gegen den neuseeländischen Staat ausgetragen werden, nicht nur gegen andere Staaten oder multinationale Konzerne. Die Fahne jenes Staates zu schwingen, der die Māori enteignet und Streiks unterdrückt und an Interventionen in Afghanistan und anderswo teilgenommen hat, entwaffnet uns im Kampf gegen den Nationalismus der Rechten.

In Neuseeland/Aotearoa mit seinem Schwerpunkt auf Landwirtschaft, Tourismus und anderen ländlichen Sektoren und seiner breiten grünen Bewegung wurde auch der Lokalpatriotismus zum Common Sense in der konservativen Linken. Dieser Lokalpatriotismus ist die Gegenposition zur Globalisierung. Einerseits werden Grenzen rund um die Festung Neuseeland/Aotearoa hochgezogen, andererseits wird lokale Autonomie unterstützt, wo immer sie zutage tritt. Dahinter steht der Gedanke, dass kleine Gemeinschaften demokratischer wären, oder sogar „natürlicher“ als große Städte oder die globale Zivilisation, die der Kapitalismus weiterhin (zerstörerisch und inneffizient) hervorbringt.

 

Lokalpatriotismus ist nicht links

Folglich lehnte die konservative Linke auch aus Prinzip die Vereinigung der verschiedenen, untereinander verfeindeten Gemeinden Aucklands zu einer einzigen „Super City“ ab. In der Praxis erwies sich diese als Gewinn, denn die Arbeiter_innen aus dem Süden und Westen der Stadt setzten sich bei den Wahlen gegen die Privilegierten aus dem Norden und dem Stadtzentrum durch und wählten einen Mitte-Links-Bürgermeister ins Amt. Dieser hat – auch wenn er weit davon entfernt ist, die Interessen der Arbeiter_innen konsequent zu vertreten – den Schwerpunkt auf öffentlichen Verkehr und Einrichtungen gelegt und vorsichtige Schritte gegen die endlose Ausdehnung der Vororte mit ihren Autobahnen unternommen. Was ist links daran, privilegierte Viertel wie Devonport oder Howick in ihrem Widerstand gegen öffentlichen Verkehr oder bezahlbaren Wohnraum zu unterstützen?

Interessanterweise gibt es – auch wenn die meisten konservativen Linken die ökologischen Bedenken gegen die Zersiedelung teilen – ein starkes anti-urbanes Ressentiment. Dieser Anti-Urbanismus ist eine Einbahnstraße, denn er negiert dass verdichteter Wohnungsbau nachhaltiger und umweltverträglicher ist. Zudem ignoriert er die Lebensrealität von jenen jungen, städtischen Angestellten, die der Neoliberalismus hervorgebracht hat, die häufig kein Auto besitzen und die die Vorzüge der städteplanerischen Verdichtung, wie z.B. guten öffentlichen Nahverkehr, zu schätzen wissen. Anstatt sich auch um diese Fragen zu kümmern, kämpfen die konservativen Linken für die verstreuten Arbeitervororte von Auckland und Wellington, ohne darüber nachzudenken, ob diese Siedlungen in Zeiten von Klimawandel und Ressourcenknappheit noch nachhaltig sind. Mit ihrem anti-urbanen Kurs wendet sich die konservative Linke von dieser wachsenden und ökonomisch wichtigen Bevölkerungsgruppe ab, sofern sie diese überhaupt wahrnimmt.

Nicht vergessen werden darf auch, dass es sexuelle und ethnische Minderheiten in der Vergangenheit in kleinen Städten und ländlichen Gegenden nicht leicht hatten. Im Gegenteil, Nationalismus und Lokalpatriotismus entladen sich oft in Form von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Und ein großer Teil der anti-urbanen, besonders der Auckland-feindlichen Rhetorik der grünen und linken Bewegungen lässt sich auf Unsicherheit in Hinsicht auf Einwanderung reduzieren. So haben mehrere Linke Phil Twyford, dem Sprecher der Labour Party in Auckland, den Rücken gestärkt, als dieser die Angst vor der „Gelben Gefahr“ schürte.

Das verstörendste Beispiel dafür, wie Widerstand der konservativen Linken gegen die kapitalistische Globalisierung in Rassismus übergehen kann, sind die Kommentare einiger Aktivist_innen über John Keys jüdische Herkunft und seine frühere Tätigkeit als Handelsbanker. Dieser Antisemitismus knüpft bei der zweiten Hauptfacette der konservativen Linken an, dem Verschwörungsdenken. Asher Goldman definiert eine Verschwörungstheorie als „Theorie, die auf Vermutung beruht, jedem Beweis oder Wissenschaftlichkeit entbehrt und behauptet, der Mangel an Nachweisen würde ihre Richtigkeit beweisen“. Anders ausgedrückt: Verschwörungstheorien erscheinen als wahr, weil sie verbreitete kulturelle Narrative bestätigen.

 

Anti-Intellektualismus

Verschwörungsdenken ist aber nur Teil eines viel größeren Problems der konservativen Linken, des Anti-Intellektualismus und offener Wissenschaftsfeindlichkeit. Nachdem die neoliberale oder durch die Wirtschaft finanzierte Forschung jahrzehntelang für die Rechtfertigung weiterer Angriffe auf die Armen gesorgt hat, haben manche Linke begonnen, Expertenmeinungen pauschal abzulehnen. So hallen in linken Diskussionsforen nicht nur politische Verschwörungstheorien wider, sondern auch Theorien, die die Naturwissenschaften leugnen. Manche verbünden sich sogar mit den Rechten und leugnen den Klimawandel.

Verschwörungstheorien ermöglichen, wie auch andere Arten von Anti-Intellektualismus, eine Weltsicht, die auf „Alltagsverstand“ oder sogenannten „Volksweisheiten“ beruht. Die radikalen Hippies der 1960er Jahre meinten: „Alltagsverstand ist das, was dir einredet, die Erde wäre eine Scheibe“. Der italienische Revolutionär Antonio Gramsci machte eine feinsinnigere Unterscheidung zwischen dem „Alltagsverstand“ und dem „gesunden Menschenverstand“. Während ersterer bezeichnet, was die Arbeiter_innen und Unterdrückten von der Ideologie der herrschenden Klasse übernommen haben, beschreibt der zweite Begriff, was diese aus den tatsächlichen Lebensumständen lernen. Wenn also Linksradikale per se mehr Vertrauen in „die Weisheit der Leute“ als in Expertenmeinungen haben, widerspricht dies dieser Einsicht komplett. Es ist die Aufgabe der Revolutionäre, die Vorurteile des „Alltagsverstands“ mit den Erkenntnissen der Wissenschaft zu überwinden, aufbauend auf den Erfahrungen des „gesunden Menschenverstands“.

Der Anti-Intellektualismus in der konservativen Linken kann auch dogmatische Formen des Marxismus enthalten. So beispielsweise jene Strömung, die „Identitätspolitik“ ablehnt und die Arbeiterklasse so idealisiert, dass sie, durch das Nichtbeachten von Themen wie Gender, sexueller Orientierung oder ethnischer Herkunft, den weißen, heterosexuellen Cis-Mann ohne Māori-Verbindungen zur Norm macht. Der britische Sozialist Richard Seymour hat oft darauf hingewiesen, dass identitätspolitische Kämpfe tief in den Klassenkämpfen verankert und nicht von diesen losgelöst sind. Tatsächlich befinden sich Streiks und andere Formen des Arbeiterkampfs an einem Tiefpunkt. Die in Gestalt der „Identitätspolitik“ auftretenden Aufstände „von unten“ hingegen gehen nicht nur weiter, sondern werden auch intensiver. Hierzulande erleben wir, neben dem andauernden Kampf für die Selbstbestimmung der Māori, eine wiederbelebte feministische Bewegung, und die Kampagne „No Pride in Prisons“ konfrontiert den Staat, in dem sie ethnische Herkunft, sexuelle Orientierung und Genderrollen zum Thema macht. Während diese Kämpfe den kapitalistischen Staat ins Visier nehmen, ignoriert die konservative Linke aktuelle Proteste, weil sie nicht in die traditionellen Kategorien passen.

 

Eine entwaffnete Linke

Es sind also drei Hauptelemente der konservativen Linken, die ineinander greifen:

  • die Ablehnung der Globalisierung in Gestalt von Nationalismus, Lokalpatriotismus und Provinzialismus, die Fremdenfeindlichkeit und sogar Rassismus hervorbringt;
  • die Ablehnung von durch den Neoliberalismus verursachten gesellschaftlichen Veränderungen, die im neuseeländischen Kontext zur Ablehnung von Urbanität und zum Festklammern an traditionellen Lebens- und Arbeitsweisen führt;
  • die Ablehnung von „Expertise“ als Methode zur Rechtfertigung der neoliberalen Globalisierung, die in Form von Anti-Intellektualismus, Wissenschaftsfeindlichkeit, Verschwörungsdenken und anderen dogmatischen Überzeugungen zutage tritt;
  • eine Sympathie für nicht-britische und nicht-US-amerikanische Formen des Imperialismus, die auch als verschobener Nationalismus aufgefasst werden kann.

Diese zutiefst rückwärtsgewandte politische Weltanschauung versucht, zu früheren, einfacheren, national eingegrenzten Formen des Kapitalismus oder traditionellen Gesellschaften zurückzukehren. Sie ignoriert neue Klassenkämpfe, neue Lebensweisen oder neue Identitäten, die durch die vom Neoliberalismus verursachten sozialen Veränderungen zum Vorschein gekommen sind, sich in diesem aber nicht vollständig entfalten können. So wird jemand, der unter prekären Verhältnissen zu Hause arbeitet und zwar froh ist, über die eigenen Arbeitsbedingungen bestimmen zu können, nicht aber über die existenziellen Unsicherheiten der Selbständigkeit, kaum positiv reagieren auf die Alternative der konservativen Linken in Form eines Bürojobs im öffentlichen Dienst mit fixen Arbeitszeiten.

Eine radikale Antwort wäre vielmehr, Wege zu erkunden, wie flexible oder selbständige Arbeitsverhältnisse weniger prekär werden könnten. Beispielsweise durch ein Bedingungsloses Grundeinkommen oder, indem gemeinnützige Dienstleistungen ausgebaut werden. Die konservative Linke wird so zusehends abgehängt, während im Neoliberalismus neue Lebens- und Arbeitsweisen sowie Identitäten entstehen. Die größere Gefahr jedoch ist, dass die konservative Linke wehrlos ist gegen den Faschismus oder „rotbraune“ Ideen.

„Rotbraune“ Politik, auch als Dritter Weg oder Strasserismus bekannt, ist im Grunde ein Faschismus, der den Anschein einer Bewegung für soziale Gerechtigkeit wahrt. Während bekennende Faschist_innen mit Begriffen wie „Rasse“ und „Ehre“ hantieren, sprechen „Rotbraune“ über soziale Gerechtigkeit und die Übel des multinationalen Kapitalismus, bieten aber fremdenfeindliche oder rassistische Lösungen an: Sie wollen undurchlässige Grenzen und einheimische „Kiwi-Bosse“, wenden sich aggressiv gegen Geflüchtete und Migrant_innen und verfolgen „fremde“ Kulturen oder Religionen wie den Islam.

Zudem tendieren sie dazu, logisches Denken und Wissenschaft abzulehnen und für traditionelle bzw. vorkapitalistische Lebens- und Arbeitsformen einzutreten, traditionelle Genderrollen und manchmal auch Technologiefeindlichkeit inklusive. Also genau jene Aspekte, die wir als essentielle Elemente der konservativen Linken identifiziert haben. Wir meinen nicht, dass die konservative Linke das gleiche ist wie „Rotbraun“, sondern dass sie wehrlos macht gegen „Rotbraun“. Weil die konservative Linke auf eine inhaltliche Auseinandersetzung verzichtet, konnten sich „rotbraune“ Ideen in sozialen Bewegungen rund um den Globus etablieren. Hierzulande veröffentlichen konservative Linke fröhlich Sujets von Rechtsextremen aus den USA oder Großbritannien. Und im Glauben, russische Bomben wären besser als amerikanische, feiern sie allerorts gemeinsam mit „Rotbraun“ die Bomben auf Syrien und das Abwürgen der dortigen Revolution als „Kampf gegen den islamistischen Terror“.

 

Für eine neue radikale Linke

Der britische Marxist Tony Cliff erklärt „Opportunismus“ und „Sektierertum“ wie folgt: Angenommen, du stehst an einem Streikposten, und neben dir macht jemand rassistische Kommentare über Migrant_innen, die uns Arbeitsplätze wegnähmen. Die sektiererische Antwort wäre, den Streikposten zu verlassen und dieser Person die Solidarität zu verweigern. Die opportunistische Reaktion wäre, es zu ignorieren. Cliff hingegen meint, die revolutionäre Antwort wäre, den rassistischen Kommentaren zu widersprechen und dieser Person nachdrücklich zu vermitteln, dass Migrant_innen willkommen sind und Rassismus die Bewegung schwächt. Aber wenn die Polizei eintrifft, um den Streikposten aufzulösen, leistest du mit allen gemeinsam Widerstand.

Die organisierte marxistische neuseeländische Linke begegnet dem Phänomen der konservativen Linken meiner Ansicht nach mit Opportunismus. Selbst jene, die deren reaktionäre Elemente ablehnen, haben keine Versuche unternommen, diese zu bekämpfen: weil man eine breite Bewegung aufbauen möchte und aus Angst, von der Bewegung abgeschnitten zu werden. Die Ideen der konservativen Linken sind aber etwas, von dem wir uns abgrenzen müssen und das wir, intellektuell wie politisch, innerhalb der sozialen Bewegungen bekämpfen müssen. Andernfalls werden diese Bewegungen in Bedeutungslosigkeit versinken und zusehends von tatsächlichem Faschismus angesteckt werden. Ich rufe mit diesem Artikel alle Linksradikalen dazu auf, sich dem Kampf für ein neues Verständnis der revolutionären Möglichkeiten im neoliberalen Kapitalismus des 21. Jahrhundert anzuschließen. Dies beinhaltet auch politische Kämpfe innerhalb der Bewegung.

Die Weltanschauung der konservativen Linken ist eine Ideologie im Marxschen Sinn: ein Trostpflaster und eine Art, die Welt zu erklären, die es unmöglich macht, diese zu verändern. Denn sie betrachtet nicht die Samen, die der Neoliberalismus selbst gesät hat und deren Früchte, die diesen eines Tages untergraben werden. Es geht nicht darum, die konservative Linke auszuschließen, sondern Alternativen zu dieser zu schaffen und dafür zu streiten.

 

Daphne Lawless ist eine linke neuseeländische Aktivistin. Ihr Artikel erschien im Fightback Magazine, fightback.org.nz.

Übersetzung und Bearbeitung: Klaus Mahrer

Advertisements
%d bloggers like this: